Im Garten des Todes
Der Petersfriedhof in Straubing
Manchmal braucht man keinen besonderen Anlass. Man fährt einfach hin. Straubing, Petersgasse 50. Hinter der dicken Mauer liegt einer der merkwürdigsten und schönsten Orte Niederbayerns.




Der Petersfriedhof.
Von außen sieht er aus wie eine kleine Festung. Hohe Mauern, schwere Tore, zwei romanische Türme der Basilika St. Peter, die über alles hinwegschauen. Drinnen ist es plötzlich still. Und grün. Und irgendwie aus der Zeit gefallen.
Was man hier sieht
Die romanische Basilika steht mitten drin, umgeben von drei spätgotischen Kapellen und hunderten alten Grabsteinen. Viele davon sind schief, bemoost, von Efeu überwachsen. Manche Inschriften kann man kaum noch lesen. Andere sind überraschend klar. Es gibt schmiedeeiserne Kreuze, die so dünn und filigran sind, dass man sich wundert, dass sie den Wind noch aushalten. Und überall Bäume. Eschen, Ahorne, Holunder. Der Friedhof wurde im 19. Jahrhundert für neue Bestattungen geschlossen. Danach konnte sich die Natur immer stärker ihren Raum zurückholen.
Das Ergebnis ist kein gepflegter historischer Friedhof, sondern ein romantisches Chaos. Ein „Garten des Todes“ – so könnte man diesen Ort nennen.
Das Kinderbett
Gleich am Eingang steht etwas, das man auf einem Friedhof nicht erwartet: ein altes eisernes Kinderbett. Nur der Gitterrahmen, rautenförmig bespannt, teilweise wieder im Boden versenkt. Es sieht aus, als wäre es schon immer da gewesen.
Ein älterer Mann hat mir erzählt, was dahinterstecken soll. In einer Straubinger Familie sollen vier Kinder gestorben sein. Die Kreuze stehen noch. Der Vater soll das Bett selbst auf den Friedhof gebracht und zu Gott gesagt haben: „Du hast mir vier Kinder geschenkt und vier wieder genommen. Dann kannst du auch das Bett haben.“
Ob die Geschichte so stimmt, keine Ahnung. Aber sie passt. Hier steht kein Denkmal, das etwas beweisen will. Hier steht ein Bett, das jemand hingelegt hat, weil er nicht mehr wusste, wohin mit dem Schmerz.
2005 wurde das Bett restauriert. Die Drähte waren von Wurzeln durchwachsen, der Rahmen korrodiert, Teile fehlten. Man hat es repariert, stabilisiert und wieder an denselben Platz gesetzt. Heute sieht man es, sobald man durch das Portal kommt.
Die drei Kapellen
Besonders stark sind die drei Kapellen:
Die Agnes-Bernauer-Kapelle von 1436. Hier erinnert ein Rotmarmorepitaph an Agnes Bernauer, die Herzog Ernst 1435 in der Donau ertränken ließ. Ihre nicht standesgemäße Verbindung mit seinem Sohn Albrecht III. wurde ihr zum Verhängnis. Eine der bekanntesten und traurigsten Geschichten Bayerns.
Die Totentanzkapelle. Innen hat der Straubinger Maler Felix Hölzl 1763 einen kompletten Totentanz gemalt – einen der bedeutendsten spät entstandenen Totentänze Europas. Der Tod tanzt mit allen: dem Papst, dem Kaiser, dem Handwerker, dem Kind. Unbequem und klar.
Und die Kapelle Unserer Lieben Frau, die älteste der drei, mit einem Beinhaus aus dem 15. Jahrhundert.
Was man fühlt
Man läuft hier nicht einfach durch. Man wird langsamer. Die Mauer hält den Lärm der Stadt draußen. Drinnen gibt es nur Blätterrauschen, Vögel und das leise Knirschen der eigenen Schritte. Manche Gräber haben inzwischen QR-Codes. Praktisch. Aber irgendwie auch ein bisschen fehl am Platz in diesem alten Grün.
Ich mag diesen Ort, weil er nichts beweisen will. Er ist einfach da. Mit all seinen Geschichten, den schiefen Steinen, dem Efeu und diesem merkwürdigen Kinderbett am Eingang. Ein Stück Straubing, das man leicht übersieht, obwohl es so nah ist.
Wer mal länger als zehn Minuten hierbleibt, merkt es: Die Zeit tickt anders hinter dieser Mauer.
In diesem Sinne, schönes Wochenende an Dich lebenden :)
Markus
Hier im Video:

