Die Rehe sind gerade verrückt
und der Wald stellt um
Seit Ende Juli, Anfang August. Die Tage sind noch lang, die Nächte schon spürbar kühler. Und mitten in diesem Übergang passiert im Wald gerade ziemlich viel. Vor allem bei den Rehen. Wer jetzt draußen unterwegs ist, merkt es: Die Tiere verhalten sich anders. Unruhiger. Mutiger. Manchmal fast unvorsichtig. Das hat einen einfachen Grund – und der macht diese Wochen besonders spannend.
Die Rehe sind mitten in der Brunft
Von Mitte Juli bis ungefähr Mitte August ist bei uns Rehbrunft. Die besonders intensive Phase der Rehbrunft wird von Jägern als Blattzeit bezeichnet. Die Böcke sind in diesen Wochen extrem aktiv. Sie treiben die Ricken, markieren ihre Reviere, rennen hinterher und achten deutlich weniger auf Straßen, Wanderer oder andere Gefahren. Deshalb steigen in dieser Zeit auch die Wildunfälle. Die Tiere sind einfach woanders mit dem Kopf.
Die Ricken werden nacheinander brunftig – abhängig davon, wann sie im Frühjahr gesetzt haben. Während die Mutter mit dem Bock unterwegs ist, bleiben die Kitze oft allein liegen. Das ist normal. Und es ist auch der Grund, warum man in diesen Wochen manchmal ein einzelnes Kitz findet und denkt, es wäre verlassen. Ist es in der Regel nicht.
Nach der Brunft ändert sich das Bild. Ab Mitte/Ende August wird es ruhiger. Die strengen Reviere der Böcke lösen sich langsam auf. Die Tiere beginnen, sich wieder in kleinen Gruppen zusammenzuschließen – den sogenannten Sprüngen. Besonders ab September sieht man dann häufiger Geiß mit Kitzen und vielleicht noch einem Schmalreh zusammen stehen. Das ist der Übergang vom Einzelgängertum des Sommers in die geselligere Phase des Herbstes und Winters.
Gleichzeitig passiert noch mehr
Ab Ende August beziehungsweise im September beginnt der Haarwechsel. Das rotbraune Sommerfell wird nach und nach durch das dichtere graubraune Winterfell ersetzt. Das rote Sommerfell wird gegen das dichtere, graubraune Winterfell getauscht. Junge Tiere sind meist früher dran als ältere. Wer genau hinschaut, sieht in den nächsten Wochen immer mehr „graue“ Rehe zwischen den noch grünen Beständen.
Und während die Rehe gerade ihren Höhepunkt hinter sich lassen, bereitet sich das nächste große Schauspiel vor: die Rotwildbrunft. Ab Anfang bis Mitte September beginnen die Hirsche zu röhren. Besonders im Bayerischen Wald und in den größeren Waldgebieten der Oberpfalz wie im Bereich Hirschwald wird das in den kommenden Wochen hör- und spürbar. Wer das einmal erlebt hat – das tiefe Röhren in der Dämmerung – vergisst es nicht so schnell.
Auch die Wildschweine sind präsent. Die Frischlinge verlieren langsam ihr Streifenkleid und laufen schon ziemlich selbstbewusst mit der Rotte mit. Noch ist es relativ ruhig bei ihnen, die eigentliche Paarungszeit kommt erst später. Aber die Nahrungssuche läuft bereits auf Hochtouren. Wo Eicheln und Bucheckern früh verfügbar sind, werden sie gerne angenommen; außerdem spielen Maisfelder vielerorts eine wichtige Rolle. Die Hauptrauschzeit liegt meist zwischen November und Januar, kann sich bei günstigen Bedingungen aber auch etwas verschieben.
Was man jetzt beobachten kann
Wer in den nächsten Wochen in den Wald geht, sollte besonders in der Dämmerung und am frühen Morgen aufmerksam sein. Waldränder, Lichtungen, Maisfelder und Übergangsbereiche zwischen Wald und Feld sind gute Stellen. Die Rehe sind während der Brunft oft unruhiger und dadurch mit etwas Glück häufiger zu beobachten als sonst. Gleichzeitig gilt: Abstand halten und nicht unnötig stören. Gerade in der Brunft brauchen die Tiere ihren Raum.
Für Fotografen und alle, die gerne beobachten, ist das gerade eine der spannendsten Phasen des Jahres. Die Kombination aus noch üppiger Vegetation, den ersten Anzeichen des Herbstes und dem veränderten Verhalten der Tiere macht die Stimmung im Wald spürbar anders.
Der Spätsommer ist keine Ruhephase im Wald. Er ist ein Übergang. Die Rehe beenden ihre Brunft und bereiten sich auf den Herbst vor. Die Hirsche stehen in den Startlöchern. Die Frischlinge werden größer. Und das Laub beginnt ganz langsam, seine Farbe zu ändern.
Wer jetzt draußen ist und die Augen und Ohren offen hält, bekommt eine Menge mit. Nicht spektakulär im Sinne von Großereignissen – aber ehrlich, lebendig und nah. Genau das, was den Wald gerade ausmacht.


