Mitten im Glockenbachviertel, nur ein paar Minuten vom Sendlinger Tor entfernt, liegt einer der interessantesten Orte Münchens. Und die meisten laufen einfach daran vorbei.
Der Alte Südfriedhof








Was heute wie ein verwilderter Park mit Grabsteinen aussieht, war über Jahrhunderte das zentrale Totenfeld der Stadt. 1563 ließ Herzog Albrecht V. ihn als Pestfriedhof vor den Toren Münchens anlegen. Damals noch weit draußen. Heute mitten drin.
Lange Zeit wurden hier vor allem diejenigen beerdigt, die anderswo nicht erwünscht waren: Pesttote, Arme, gesellschaftliche Außenseiter und Selbstmörder. Wer etwas auf sich hielt, ließ sich auf den Kirchhöfen innerhalb der Stadtmauern bestatten. Das änderte sich Ende des 18. Jahrhunderts.



Ab 1789 waren Bestattungen innerhalb der Münchner Stadtmauern grundsätzlich verboten. Damit wurde der Alte Südfriedhof zum Zentralfriedhof der Stadt. Rund 80 Jahre lang, bis 1868, war er die einzige offizielle Begräbnisstätte Münchens. Hier landete praktisch jeder – vom Handwerker bis zum Professor.
Das spürt man heute noch.







Zwischen Efeu, alten Bäumen und verwitterten Grabsteinen liegen die Menschen, die München im 19. Jahrhundert geprägt haben: Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner, die beiden großen Architekten des klassizistischen München. Carl Spitzweg, Justus von Liebig, Georg Simon Ohm, Joseph von Fraunhofer und Ludwig Schwanthaler. Dazu Mitglieder der Brauerfamilien Hacker und Pschorr. Auch Johann Conrad Develey, der Gründer der gleichnamigen Münchner Senffabrik, liegt hier.
Die Sendlinger Mordweihnacht
Besonders eindrücklich ist die Geschichte der Sendlinger Mordweihnacht von 1705.
Nach der Sendlinger Bauernschlacht wurden Hunderte der gefallenen Aufständischen auf dem Friedhof in mehreren Massengräbern bestattet. Jahrzehnte später entstand hier ein Denkmal für die Opfer. Der von Franz Xaver Schwanthaler entworfene und von Friedrich von Gärtner überarbeitete Brunnen wurde 1831 eingeweiht.
Er gilt als Münchens erstes Kunstwerk im Stil der Neugotik.
Und auch dieser Ort erzählt eine Geschichte: Für die sechzehneckige Brunnenwanne wurde eine von König Ludwig I. gestiftete Kanone eingeschmolzen.









Vom Friedhof zum stillen Park
Ende des 19. Jahrhunderts begann die Stadt, den Friedhof allmählich aufzulassen. Mit dem Bau neuer großer Friedhöfe außerhalb der Innenstadt verlor der Alte Südfriedhof seine Funktion als zentraler Bestattungsort.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände durch Bombenangriffe schwer beschädigt. Zum 31. Dezember 1943 wurde der Bestattungsbetrieb offiziell eingestellt. Viele Grabmäler und Teile der historischen Arkaden waren zerstört oder beschädigt.
Nach dem Krieg begann die Stadt mit dem Wiederaufbau. Der Architekt Hans Döllgast entwickelte dabei einen besonderen Umgang mit den Kriegsschäden: Er setzte nicht auf eine vollständige Rekonstruktion, sondern auf einen sogenannten „interpretierenden Wiederaufbau“.
1973 wurde der gesamte Friedhof unter Denkmalschutz gestellt, 1989 folgte der Schutz als Landschaftsbestandteil. Zwischen 2004 und 2007 wurden die historischen Grabsteine umfassend restauriert.
Heute ist der Alte Südfriedhof deshalb vieles gleichzeitig: historischer Friedhof, Denkmal, Freilichtmuseum und grüne Ruheoase mitten in der Stadt.
Eichhörnchen huschen über die Wege, Menschen sitzen auf Bänken oder gehen spazieren, und ab und zu bleibt jemand vor einem Namen stehen, den man sonst nur von einem Münchner Straßenschild kennt. Auch die Stadt selbst beschreibt den Friedhof als eine Art großes Freilichtmuseum und als ökologisch bedeutende grüne Oase.
Wer mit offenen Augen durchgeht, liest Münchner Geschichte in Stein.
Nicht die laute, offizielle. Sondern die leise, die zwischen Efeu, alten Bäumen und verwitterten Inschriften liegt.
Manchmal braucht man keinen Museumseintritt, um Geschichte zu spüren.
Manchmal reicht ein Spaziergang.

