Manchmal fährt man an einem Ort vorbei und denkt: „Ach, das alte Ding an der Isar.“ Und dann stellt sich heraus, dass dahinter eine ziemlich spannende Geschichte steckt. Das Großhesseloher Wehr gehört genau zu diesen Orten.



Seit 1908 ist die Anlage in Betrieb, direkt unterhalb der Großhesseloher Brücke an der südlichen Münchner Stadtgrenze bei Pullach. Entstanden ist sie zwischen 1906 und 1908; als Architekt des historischen Schleusenwärterhauses gilt der Münchner August Blössner.
Damals war das Wehr ein modernes Stück Ingenieurskunst. Es reguliert die Wasserführung zwischen der Isar und dem parallel verlaufenden Werkkanal. Und genau das tut es bis heute – nur inzwischen mit deutlich mehr Verantwortung auf dem Rücken.
Über den Werkkanal werden nämlich vier Wasserkraftwerke versorgt. Außerdem hängt der Energiestandort Süd mit seiner Strom-, Fernwärme- und Kälteerzeugung daran. Der Kanal speist zudem die Münchner Stadtbäche und die Floßlände. Gleichzeitig ist das Wehr ein wichtiger Baustein für den Hochwasserschutz Münchens.
Das kleine gelbe Schleusenwärterhaus mit seinem Satteldach steht noch immer auf dem Mitteldamm – und ist sogar weiterhin bewohnt. Früher lebte und arbeitete dort der Schleusenwärter, der unter anderem die Floßgasse bediente und die Wasserstände zwischen Isar und Werkkanal regulierte. Heute wohnt dort weiterhin ein Mitarbeiter der Stadtwerke München, allerdings mit der Berufsbezeichnung Wasserkrafttechniker. Die Anlage selbst wird inzwischen elektronisch gesteuert.






Ein Industriedenkmal mitten in der Isar
Seit März 2022 steht das Großhesseloher Wehr unter Denkmalschutz. Entscheidend waren dabei nicht nur seine historische Bedeutung für die Wasserwirtschaft, sondern vor allem die noch vorhandene originale Bausubstanz: die alte Floßgasse aus Stampfbeton und das historische Schleusenwärterhaus.
Das kam bei der geplanten Erneuerung durchaus ungelegen – denn die Stadtwerke München hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen umfangreichen Ersatzneubau geplant.
Zwischen 2023 und 2025 wurde die Anlage schließlich umfassend erneuert. Die alten Wehrtafeln wurden durch moderne Wehrklappen ersetzt, die Steuerung automatisiert und eine neue Fischaufstiegsanlage gebaut. Sie ermöglicht Fischen und anderen Wasserlebewesen eine deutlich bessere Durchgängigkeit zwischen Isar und Werkkanal. Gleichzeitig wurde der Hochwasserschutz verbessert und die Gefahr von Problemen durch Treibgut reduziert.
Die historische Substanz blieb dabei bewusst erhalten. Vor allem die alte Floßgasse und das Schleusenwärterhaus wurden denkmalgerecht restauriert. 2025 erhielt die Sanierung dafür eine Anerkennung beim Oberbayerischen Denkmalpreis.
Und dann kam der Sensationsfund
Der eigentliche Clou kam allerdings während der Bauarbeiten.
Ende Juni 2023 stießen Bagger bei Arbeiten im Flussbett auf Steine, die dort eine höchst ungewöhnliche Herkunft hatten. Schnell stellte sich heraus: Es handelte sich um Fragmente der Münchner Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße.
Die prachtvolle Synagoge war 1938 auf Geheiß Adolf Hitlers abgerissen worden, noch vor der Pogromnacht. Die Abbruchfirma Leonhard Moll lagerte Teile des Materials zunächst auf ihrem Betriebsgelände. Als in den 1950er-Jahren Arbeiten am Großhesseloher Wehr notwendig wurden, wurde dieses Abbruchmaterial schließlich zur Verstärkung der Wehranlage verwendet. So gelangten die Überreste der zerstörten Synagoge an die Isar.
Was dann aus dem Flussbett geborgen wurde, war gewaltig: mehr als 350 Tonnen Material. Darunter befanden sich verzierte Steine, Säulen- und Balkonfragmente und sogar eine weitgehend erhaltene Gesetzestafel mit den Zehn Geboten, die einst über dem Tora-Schrein der Synagoge angebracht war. Anhand historischer Fotografien konnte das Fragment eindeutig zugeordnet werden.
Der Fund sorgte weit über München hinaus für Aufmerksamkeit. Für die jüdische Gemeinde und die Stadtgeschichte war er von außergewöhnlicher Bedeutung – schließlich waren damit plötzlich Teile eines Gebäudes wieder aufgetaucht, das die Nationalsozialisten bewusst aus dem Münchner Stadtbild tilgen wollten. Auch internationale Medien berichteten darüber.
Heute
Heute steht das Großhesseloher Wehr wie ein ungewöhnlicher Zeuge verschiedener Zeiten nebeneinander.
Da ist die über 100 Jahre alte Floßgasse, das gelbe Schleusenwärterhaus und die Geschichte der Münchner Wasserwirtschaft. Daneben stehen moderne Wehrklappen, automatische Steuerung und eine neue Fischaufstiegsanlage.
Und dann ist da noch die Geschichte der Münchner Hauptsynagoge, deren Überreste nach Jahrzehnten plötzlich wieder ans Licht kamen.
Rundherum liegt die typische Isarlandschaft: Kiesbänke, Wasser, Radler, Spaziergänger – und die Flöße, die auf ihrem Weg von Wolfratshausen nach München weiterhin durch das Werkkanalsystem passieren.
Manchmal lohnt es sich eben, genauer hinzuschauen.
Auch bei Dingen, an denen man eigentlich schon hundertmal vorbeigefahren ist. Aktuell ist das alles gut begehbar dank dem niedrigen Wasserstand der Isar.

